Komponieren als Folge von ästhetischen Entscheidungen, die dem Komponisten
letztlich niemand abnehmen kann - eine verbreitete und auf den ersten Blick
vollkommen schlüssige Ansicht. Warum also sollte der Computer, außer als
nützliches Werkzeug für den Notensatz, im Bereich der Instrumentalmusik von Interesse sein?
Die Herstellung und Wahrnehmung von ästhetischen Objekten geschieht in einem Raum
unüberblickbarer Möglichkeiten. Gewisse natürliche Beschränkungen der Wahrnehmung
sind durch den menschlichen Wahrnehmungsapparat selbst gegeben, wohingegen kulturelle
Festlegungen sowohl Herstellung als auch Rezeption beeinflussen, die Aufmerksamkeit
hierhin und dorthin lenken und dazu führen, dass manche Aspekte überhaupt vernachlässigt werden.
Vom Schaffenden müssen manche Beschränkungen (z.B. bei Auftragsarbeiten) als Rahmen
akzeptiert werden, viele erleichtern, selbst gesetzt, den Arbeitsprozess.
Das Bedürfnis nach Neuem außerhalb der eingeschliffenen Formensprachen als Motor des
Kunstdiskurses führt zwangsläufig zur Reflexion über verschiedene Beschränkungen.
Ich interessiere mich unter anderem deswegen für den Computer als Komponierwerkzeug,
weil ich an folgende Beschränkungen des musikalischen Vorstellungsvermögens denke:
Es gibt offensichtlich Grenzen der Überschaubarkeit, an denen sich Wahrnehmung
und Vorstellung im Unscharfen verlaufen. Man versuche, mit einem Blick ein regelmäßiges
20-Eck von einem regelmäßigen 22-Eck zu unterscheiden, bzw. sich diese Objekte
vorzustellen - im Gegensatz zum Paar Dreieck / Viereck. Ab einer gewissen Anzahl
von Ecken wird es schwierig, eine solche Unterscheidung ad hoc treffen zu können.
Es gibt hier also eine ästhetische Grenze im Sinn der exakten Wahrnehmbarkeit
(von gr. aisthesis: Wahrnehmung), aber nicht in dem Sinn, dass Objekte jenseits
dieser Grenze für den Betrachter uninteressant wären. Man wird kaum behaupten,
dass Bäume langweilig seien, weil man die Anzahl der Blätter nicht überschauen
könne bzw. nicht in der Lage sei, sich einen Baum mit allen einzelnen Blättern
exakt vorzustellen. (Teile eines Baumes kann man sich sehr wohl recht genau vorstellen
- kann man sich auch mit musikalischen Strukturen identifizieren, die man sich nicht
einmal im Detail vorstellen kann ... ?). Derartige Grenzen sind bei den traditionellen
musikalischen Grundbausteinen Melodie, Rhythmus und Harmonie zu erkennen.
Es ist müßig, zu erwähnen, dass hier kulturelle Faktoren eine Rolle spielen -
z.B. sind der Unterscheidbarkeit von sehr kleinen Intervallen physiologische
Grenzen gesetzt, aber Musikkulturen mit äußerst differenzierten Skalen sind
solche Unterscheidungen geläufiger.
Man braucht natürlich nicht notwendigerweise den Computer als Hilfsmittel, um mit
komplexen Strukturen zu operieren. Wenn man aber in Bereiche gerät, in denen die
Fähigkeit der Vorstellung schwindet, erleichtert das Feedback der Computersimulation
die Bewertung und damit die praktische Arbeit. Eine derartige Methode -
"trial and error" in einer ästhetischen Variante empiristischer Tradition -
ist im Bereich der elektronischen Musik selbstverständlich und in der Instrumentalmusik
eher unüblich. Zum einen waren Qualität und Praktikabilität der instrumentalen Simulation
lange Zeit sehr beschränkt - ein Umstand, der sich seit einigen Jahren schnell ändert -
andererseits widerspricht ein solches Verfahren auch alten Traditionen des Komponierens:
Die Beschäftigung mit Strukturen diesseits gewisser Grenzen von Wahrnehmungs- und Vorstellungsvermögen
- anders gesagt: mit Strukturen, die, mit entsprechenden Kenntnissen und einiger Übung
eine exakte mentale Repräsentation erlauben - war über einen langen Zeitraum der Musikgeschichte
hinweg bestimmend - man denke an das Modell des vierstimmigen Satzes. Obwohl immer wieder
Überschreitungen gesucht wurden - wie z.B. in der komplexen Vokalpolyphonie der Renaissance
und regelmäßig seit dem 20. Jahrhundert - ist das Musikdenken immer noch stark von der
Idee der exakten mentalen Repräsentation geprägt.
Im Bereich jener musikalischer Strukturen, die, mehr oder weniger,
mental repräsentierbar sind, sehe ich Beschränkungen in anderer Hinsicht.
Bei jedem Unterfangen, Musik innerhalb dieser Grenzen zu komponieren,
machen sich die "magnetischen" Kräfte der erinnerten Musik, gerade
in der Situation der totalen medialen Verfügbarkeit, stark bemerkbar.
Der Raum zur Entwicklung einer individuellen Formensprache schrumpft zusehends.
Die Verwendung strukturerzeugender Verfahren mit dem Computer kann auch ein Versuch sein,
in dieser Hinsicht die Dinge auf den Kopf zu stellen. Im ersten Arbeitsschritt
nimmt ein Computerprogramm, bei hinreichend allgemein gewählten Ausgangsbedingungen,
keine Rücksicht auf die durch Erinnerung und Vergleich geprägten Bewertungen der
Resultate. Das kann befreiend sein und zu Kombinationen anregen, die andernfalls
außerhalb konditionierter Verknüpfungen liegen oder umgekehrt: gerade in der Nähe
des historisch Bekannten liegen und eben deswegen vielleicht vorschnell gemieden werden.
Für mich steht bei der Verwendung von Algorithmen die fortlaufende Modifikation
derselben als Reaktion auf die generierten musikalischen Resultate im Vordergrund.
Der eigene Bezug zum Erinnerten geht in die Modifikationen des Ausgangsverfahrens
und die Bewertungen seiner Resultate ein. Die dynamische Anpassung eines Algorithmus
und nicht seine starre musikalische "Umsetzung" ist das Paradigma.
In ästhetischer Hinsicht sind schließlich, unabhängig vom Komplexitätsgrad,
niemals Strukturen, für sich genommen, ausschlaggebend für unsere Wertungen.
Entscheidend ist stets, wie neue Strukturen an den erinnerten entlangschrammen.
Eben deshalb ist Komplexität, so wie Einfachheit, nicht als bloße Struktureigenschaft
interessant, sondern primär im historischen Kontext. Auch im Bereich komplexer
Strukturen werden vermutlich zuerst jene von Interesse sein, die im weitesten Sinn
an historisch Vermitteltes und somit an den Bereich der exakten Repräsentation anschließen.